Tag 8: Nam Wob, in und um Kyoto

Kyoto, eigentlich Kyouto, wegen dem langen o, ich aber lieber Kyoto schreibe, weil das erstere ungewohnt aussieht, ist eine Stadt mit fast 1,5 Millionen Einwohnern. Hier ist es, komischerweise, empfindungsweise, wieauchimmerweise, lauter respektive lärmiger als in Tokio. Ich weiss nicht, wie gesagt, vielleicht mein ich das nur … aber ich könnte mir eben vorstellen, dass halt in Kyoto das Verkehrsnetz der öV nicht so durchdacht (gut, das tönt jetzt hart, ich meine es aber halt in Relation mit einem der Besten der Welt) ist, wie in Tokyo, und die Leute lieber mit dem Auto unterwegs sind. Aber Velos (Fahrräder) sind auch hier voll angesagt. Hab ich das schon erwähnt? Die Japaner stehen auf Fahrräder, und zwar in einem hohen Mass. Die dürfen auf den Trottoirs (Gehsteigen) fahren, allerdings ihr Gefährt dann nur an bestimmten Orten hinstellen, manchmal gar „Parkuhren“ füttern müssen, um an Ort unf Stelle eine Weile residieren zu dürfen.

Sie fahren wie die Wilden. Ohne Helm, niemand, keine Omas, kein kleines Kind, einfach absolut niemand fährt mit Helm. Keine Fahrradklingel. FAST niemand. Sie fahren einem lieber 30m hinterher, weil sie nicht durchkommen, und man sie nicht bemerkt, folglich nicht durchlässt. Hat das was mit ihrer Mentalität zu tun? Eventuell schon. Immer höflich sein, niemandem „zu nahe“ treten und einfach alles richtig machen. Oder nein, die Japaner leben schon seit immer auf engstem Raum und dies zu 127millionst. Die wissen zu ignorieren, wenn einer in einem Riokan (Hotel, mit Papierwänden. Man hört alles) nebenan schnarcht, die wissen zu ignorieren, wenn sie zu einer zweihundertprozentig vollen Ubahn stehen, die wissen einach, wie man auch mit spärlichen Platzverhältnissen gut umgeht, auch auf dem Gehwegen und Fussgängerstreifen, die mich immer an eine Völkerwanderung erinnern lassen. Und so fahren sie dann halt dahin, überholen manchmal, ohne klingeln, „sumimasen!“, und düsen davon, die Mädchen ihre Röckchen haltend, die Jungs oft zu mehrt auf einem Vehikel (oft so 90er Jahre „Göpel“).

„Wofür gehn wir dann rein, wenn man keine Fotos machen darf, nichts essen, trinken oder rauchen?“
So touristenempörend ist nur der Palast des Shoguns. Wahrlich eine Pracht, aber man muss die Schuhe ausziehen und darf in keinster Weise, an keinem Ort Bilder schiessen. Aber von was auch? Der Shogun musste wohl wirklich ziemlich bescheiden (abgesehen von „Platz zum versauen“) gelebt haben. Die Ausstattung eines Zimmers besteht eigentlich vorwiegend aus Farbe an der Wand und Tatamimatten am Boden. Sonstiges Möbilier, etwa ein Tisch, ein Schrank oder ein Herrendiener, sind nicht vorhanden. Alles ist relativ düster gehalten, das ist mir aufgefallen. Wofür? Damit die Frauen umso blasser wirken, das war, wenns denn stimmt, der Grund. Die alten Japaner fahren nämlich voll auf weisse, nicht im Sinne von Blassheit, sondern wirklich der Farbe weiss, Frauen ab, siehe Geishas etc.

Als nächster Halt kommt der Ryouan-ji (wieder dieses lang o). Von aussen recht „nicht als grosse Attraktion wirkendes“-Gebäude, zeigt es uns drinnen dann aber ein, nein DER Steingarten ganz Japans. Er ist ein etwa 30x15m grosses Viereck und am Boden liegen sowas wie Kieselsteine. Scheinbar „zufällig“ platziert sind 15 grosse Steine, in kleinen Grüppchen zusammengedrängt. Der Clou ist, man sieht aus keinem Blickwinkel alle Steine. Man lehrte uns, es ist wie im Leben, eine Art Metapher, man kann nie „alles“ sehen. Ganz à la „Der reichste Mann der Welt … hach … er hat Krebs“ oder nein, kein Krebs, er was „harmloseres“, er findet seine wahre Liebe nicht; das kann er sich mit dem Geld ja nicht kaufen. Man kann nie alle Steine sehen. Freilich sehr interessant, amüsant und zum Nachdenken stimmend. Dies alles unter dem Thema Zen zusammengefasst, wer darüber mehr wissen will, kann sich ja wenden, und zwar an mich oder das Internet oder sonst jemanden ;)

Und thrid but not least, der Goldene Pavillon, wo wiedermal x Schulklassen unterwegs sind, ihre Eindrücke einsammeln, genervt, gelangweilt, zum Teil jedenfalls, und wir Erbschenpflückerkommen dafür 11 Millionen Meter dahergeflogen … schon lustig, same procedure ja wenn sie bei uns Jungfraujoch besuchen.
Abgesehen davon, dass der Pavillon schön anzusehen war, da er tatsächlich mit Blattgold ausgestattet war, ging es auf den Strassen auch noch spassig zu und her und ich lernte wieder ein wenig mehr des japanischen Geists kennen:
Eine Meute, oder gar Horde, Kinder, nicht so alt, auf Schätzungen lass ich mich bei Asiaten nichtmehr ein, weil das schwer par excellence ist, einfach immer zu jung, stürmt an uns vorbei. Alle, (Kollektivitätsgedanken nicht vergessen)) mit Uniform und gelber Mütze, blabbernd, rhabarbernd, erquickend und quikend, quakend und labernd. Bis auf einmal einer uns, die Gaijin entdeckt und mit einem Haerrau, sehr weit hergeholtem, de- und tranformierten, durch die R-Maschine hin und zurückgewürgten, aus dem Englisch stammenden, simplen „Hello“ auf uns aufmerksam macht. Die Touris haben es eilig und gehen davon, ich, offen, erwidere „konnichiwa, genki desu ka?“ … Geschrei, Lachen, Stürmen, das ganze Prozedere und der Haufen Kinder um mich herum, zehn Hände im Gesicht. Ich verteile Hellos und Konnichiwas und was mir sonst noch einfällt und schüttle ihnen die Hände, wie wild. Alle freuen sich. Joa, die Kinder sind noch sehr „frei“ von der Integration in die Uniform, auch wenn sie eine tragen. Die Hände werden in Japan nämlich nie geschüttelt, man verbeugt sich ja, aber anfassen is‘ nicht. Aber vor lauter Freude an einem „Suizu“, Schweizer, in eine alles andere als geeichter, kollektiver Jacke (nämlich die grell Orange), einem Fotoapparat und der eine sehr beschränkte Anzahl japanischer Phrasen drauf hat, die in einem verquarkten Dialekt daherkommen, werden die Grenzen vergessen. Schön, dass Freude international anerkannt ist, oder? :-)

In Kyoto
Kyoto, wie es singt und lacht. Es ist gerade Markt. Wir haben neue Sachen erworben, wie Fingersocken, Tee oder andere Überraschungen. Jeder zweite Stand, von einem etwa 500m langen Korridor in der Stadt (Kyoto ist wie ein Schachbrett aufgebaut. Durch eine der Zwischenräume zog sich das Spektakel) führe Meerzeugs. Ja Zeugs. Nicht wertend „Zeugs“, sondern „undefinierbar“ „Zeugs“. Sogar sehr undefinierbar. Ich titulierte dann einfach, verteilte willkürlich Namen: Hirn, Lunge, Augen, Okto- und mehr pusse, Seetang, Enten und natürlich Fische. Ich fragte mal, mit dem Finger auf etwas zeigend, was das ist. Und das ist das Problem: Sagt man 5 Wörter in ihrer Sprache, meinen sie, ich verstehe Sachen wie kihou und Ähnliches. Was solls, ich lache und sage, dass ich denke, ich verstehe es, er lacht, wir lachen, alle lachen.

Nachdem wir den Nachmittag mit einer solchen ausführlichen Erkundungstour beendet hatten, watschelten wir langsam zurück ins Hotel. Schon ein wenig „nostalgisch“, schon bald gehen wir wieder. Man wird es sich langsam im klaren. Aber es ist schön. Und zum Abschluss des Abends gingen wir nochmals raus, den Kyotoer Bahnhof anschauen, eines der wohl verrücktesten architektonischen Bauwerke, die ich jemals gesehen habe, und stiegen auf den Kyoto-Tower. Wie so vieles, eben die gigantischen und schönsten Dinge, war auch das nicht fassbar auf Papier zu locken, aber um ein kleiner Eindruck zu präsentieren hier, ein Foto bei schwarzer, klarer Nacht, im Kyoto-Tower, 100m über Boden, fünfzehn minus ein Stein sehend:

KyotoTower

Kyoto-Tower

und somit möchte ich für heute schliessen,
bis bald, mata ne,

Akira.

Ein Gedanke zu „Tag 8: Nam Wob, in und um Kyoto

  1. Mom'

    Soviele Eindrücke und dies alles an einem Tag…, sumimasen, da kann ich nicht mithalten. Ich glaube Euer Tag hat mehr Stunden als meiner.
    Hier regnet es (wie gewünscht), keine Velofahrer, keine Fussgänger und auch keine Touristen in Sicht.
    Ich wünsche Euch noch schöne, verbleibende Stunden im Land der aufgehenden Sonne und sage einmal mehr: gute Nacht und guten Tag.
    Mom‘

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